Leben & Arbeiten am Becherhaus 3.195m

Im Auftrag des Amtes für Bauerhaltung des Landes Südtirol, unter der Federführung der Mader GmbH aus Sterzing, haben mein Team und ich die Aufgabe für die Arbeiten hier am Becherhaus zugesprochen bekommen. Aufgrund unserer jahrelangen Erfahrung mit Arbeiten im Gebirge, hat sich das so ergeben und wir freuen uns riesig über diesen harten und sehr speziellen Auftrag.

Der Becher hat was Magisches

Das Becherhaus  zu renovieren, ist wie einen Oldtimer herzurichten. Unser Ziel ist es, dass nach Abschluss der Arbeiten das Gesamtbild so hergestellt ist, dass das Haus aus dem Jahr 1894 gleich aussieht wie vorher. Erneuert werden Fassade und Dach sowie alles, was mit Wasser- und Energieversorgung zu tun hat. Die bestehende Stube wird durch einen Zubau an der Ostseitedamit endlich alle Bergsteiger, die am Becherhaus übernachten, am Abend Platz in der Hütte finden. Bis dato musste in zwei Turnusen zu Abend gegessen werden und nicht jeder fand einen Sitzplatz. Das wird sich jetzt ändern. 

Becherhaus 3.195m - 19.12.2020
Becherhaus 3.195m - 19.12.2020

Leben und arbeiten fernab von jedem Komfort

Am 25. August 2020 haben wir mit den Arbeiten auf der Hütte begonnen. Wir leben und arbeiten auf dem Schutzhaus fernab von jedem Komfort. Die Zimmer sind kalt, Wasser gibt es keines, dafür müssen wir Schnee schmelzen. Und wir benutzen das alte Plumpsklo von 1894. Wir können damit ganz gut leben, denn wir brauchen eigentlich nicht viel hier oben. Wir sind zu viert am Becherhaus tätig. Eine größere Anzahl an Arbeitern würde in der momentanen Situation alles verkomplizieren, wenn wir uns selber versorgen müssen. Das fängt beim Fliegen an, im Hubschrauber sind nur vier Plätze, und hört beim Kartenspielen auf, auch dazu müssen wir zu viert sein. Zudem bringt es uns den Vorteil, dass wir uns in zwei Zweiertruppen aufteilen können.

Mittagessen auf der Terrasse
Mittagessen auf der Terrasse

Es ist wie in einer Art Mini-Universum

Wenn man auf einer solchen Baustelle miteinander lebt und arbeitet, muss das Menschliche passen. Man muss sich mögen und gut verstehen. Auf jeden Fall brauchen wir gute Nerven und auch körperlich zehrt das Arbeiten auf über 3.000 Metern. Wir leben hier in einer Art Mini-Universum und wenn mal was nicht passt, so kannst du nicht einfach davonlaufen, das geht einfach nicht. Auch wetterbedingt sind wir hier ziemlich ausgesetzt. Eine Schlechtwetterfront mit Schnee und Sturm kann dich für Tage einsperren und du kommst nicht mal vor die Hütte. Die Kommunikation Richtung Tal, mittels Handy usw. funktioniert auch nicht immer. In diesem kleinen Universum sind wir auf uns gestellt. Das hat natürlich auch seine Vorteile, denn von Corona bekommen wir hier nicht viel mit.

Montage der neuen Stube - November 2020
Montage der neuen Stube - November 2020

Ohne den ehemaligen Hüttenwirt ginge nichts

Der Tag hier oben beginnt lange vor Sonnenaufgang. Um 5.00 Uhr klingelt der Wecker und es geht gleich ans Feuer machen und die Strom hochfahren mit dem Aggregat. für braucht es Zeit, deshalb müssen wir früh raus. Zunächst machen wir mit dem Wasser der Bettflaschen unseren Kaffee - es darf nichts verschwendet werden. Dann fangen wir mit den Arbeiten an und ziehen diese bis am späten Abend durch. Hier gibt es keine Freizeit, ist auch nicht notwendig. Bislang haben wir die Fundamente, die Wasserfassung und die Betonarbeiten gemacht. Auch die Erweiterung der Terrasse konnten wir fertigstellen und der Rohbau der neuen Stube steht. Wir bekommen volle Unterstützung vom ehemaligen Hüttenwirt Erich Pichler. 20 Jahre hat er hier als Wirt verbracht, kennt alles  wie seine eigene Westentasche. Erich ist für uns eine Schlüsselfigur, denn mit ihm und seinem Wissen steht und fällt das ganze Projekt.

Mein Lehrmeister vom Becher - Erich Pichler
Mein Lehrmeister vom Becher - Erich Pichler

Am Berg wäre jeder Fehler fatal

Wir gehen jeden Montageschritt schon im Tal durch, um jegliche Fehlerquelle ausmerzen zu können. Es ist so eine Art Training, wenn man so will. Hier am Berg können wir uns Fehler nicht leisten, denn da geht es 400 Meter kerzengerade hinunter. Jeder im Team, vom Monteur bis zum Piloten ist in die Montageabläufe involviert und bringt seine eigene Erfahrung ein. Nur so können wir gewährleisten, dass alles klappt und das Risiko vermindern.

Montage der neuen Stube
Montage der neuen Stube

Die Arbeit ist nicht nur schwierig, sondern auch gefährlich

Die Arbeit hier ist nicht nur schwierig, sondern auch gefährlich. Wir haben den Sicherheitsaspekt stets im Auge. Wenn uns hier oben etwas passiert und es ist Schlechtwetter, dann ist eine Rettung schwierig, dessen sind wir uns immer bewusst. Deshalb haben wir uns schon öfters mal in der Kapelle versammelt, um ein kleines Gebet abzuhalten. Hier im Becherhaus ist die höchste Kapelle Europas - Maria im Schnee - und uns hilft es, wenn wir uns dort versammeln, um in uns gehen zu können.

 

Dennoch macht uns die Arbeit hier Spaß, denn sie ist ein ständiger Lernprozess und für uns als Team eine Lebensaufgabe. Ich habe mir das schon immer gewünscht, dass ich mit meinem Team das Becherhaus sanieren zu können und jetzt geht dieser Wunsch in Erfüllung.

 

Ich weiß nicht warum, aber der Becher verbindet. Dieser Berg hat etwas Magisches. Entweder man mag ihn, oder man hasst ihn. Allein die Sonnenaufgänge, die man hier erlebt, sind unwahrscheinlich schön. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich dem Naturschauspiel beiwohnen darf.

Sonnenaufgang mit Blick Richtung Pfitschtal
Sonnenaufgang mit Blick Richtung Pfitschtal

Hier wirst du auf das Menschsein reduziert

In diesem Projekt steckt mein ganzes Herz, und nicht nur meines, auch das von meinem Team. Es ist die schönste Aufgabe, die ich in meinem ganzen Leben bekommen habe. Hier oben findest du zu dir, du wirst aufs Menschsein reduziert und merkst, wie wenig du eigentlich brauchst. Es ist sehr eigen, aber sehr schön, und ich möchte mit niemanden auf der Welt tauschen.

 

Wir haben bis zum 19. Dezember hier oben gearbeitet und mit einem kleinem Weihnachtsfest, ganz für uns alleine, uns vom Becher für ein paar Wochen verabschiedet, um uns auszuruhen und Energie zu tanken für das nächste Jahr.

 

Ich hoffe wir treffen einige von euch hier oben

Weihnachtsfeier am Becherhaus - 19.12.2020 - letzter Tag für dieses Jahr
Weihnachtsfeier am Becherhaus - 19.12.2020 - letzter Tag für dieses Jahr

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Kommentare: 1
  • #1

    Christoph Meul (Freitag, 25 Dezember 2020 15:50)

    Liebes Becher-Team,

    vielen Dank für diese tollen Einblicke, ich kann nur wieder meinen Hut vor euch ziehen und Danke sagen für alle, die in den nächsten Jahren von euren Entbehrungen profitieren werden, aber auch ihr 4 werdet immer davon profitieren und euren Enkeln davon erzählen - frohe Weihnachten!